Atem. Er wird für selbstverständlich gehalten. Etwas worüber man nicht ständig nachdenkt. Bestenfalls muss man nicht einmal dafür zahlen. Existentiell, noch weit vor Wasser und Nahrung. Man kann wochenlang ohne Essen, tagelang ohne Wasser auskommen, aber nur wenige Sekunden bis Minuten ohne Luft.
Wann denkst du über das Atmen nach? Vermutlich genau dann, wenn er ins Stocken gerät. Wenn er eben nicht mehr wie selbstverständlich „funktioniert“.
Was verbindest du spontan mit Atemlosigkeit? Der Gang in den fünften Stock? Der Extrakilometer auf deiner neuen Joggingstrecke? Das Festhalten der Kaffeetasse, bevor sie dir fast auf die Tastatur gekippt wäre? Du kannst dankbar dafür sein, dass du bis auf die genannten und ähnlichen Momente nicht gezwungenermaßen darüber nachdenken musst.
Der Atem oder das Atmen sind soviel mehr, als nur Luft ein- und auszuatmen. Sportler und Sänger trainieren ihn, um mehr Leistung zu bringen, die Stimme zu verfeinern und das Lungenvolumen zu erhöhen. Bei der Meditation dient die bewusste Atmung dazu, tiefer in einen tranceartigen Zustand bzw. zu sich zu gelangen, tiefer ins Hier und Jetzt anzukommen.

Was bewirkt die Atemreduktion in einer Session bzw. was ist der Hintergrund? Da gibt es sicher einige, verschiedene Beweggründe und es hängt auch von der persönlichen Neigung ab. Wesentlicher Faktor ist dabei die Steigung der sexuellen Erregung. Ähnlich wie der Sinnesentzug, kann die Reduktion des Atems das sensorische Empfinden steigern. Die gleichen Berührungen werden intensiver wahrgenommen. Gleichzeitig verlagert sich der Fokus, wie bei der Meditation, auf das Hier und Jetzt. Je weniger Luft, desto enger der Fokus. Man gewinnt mehr an Achtsamkeit in dem Moment.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Kontrollverlust. Es gibt verschiedene, mehr oder weniger stark ausgeprägte Formen des Kontrollverlustes. Augen verbinden, Fesseln, Knebeln, das Hörvermögen einschränken, Kontrolle über das Konto, Kontrolle über das Essverhalten sind nur ein paar Beispiele. In dem Zusammenhang seien auch Tunnelspiele erwähnt. Eine Art des Spielens in dem nach vorheriger Absprache die Kontrolle, z.B. die Länge des Spiels, die Intensität von Schmerzen, komplett an den Spielpartner abgegeben wird. Ist man einmal in dem Tunnel drin, kann man nicht nach links und rechts ausweichen, man muss solange durch den Tunnel laufen, bis man das Ende erreicht. Das kann beängstigend sein, aber auch zugleich die sexuelle Lust steigern. Es ist und bleibt ein schmaler Grad. Der Spielpartner muss ein sehr feinfühliges Gespür dafür besitzen, wie weit er gehen kann und wie er den Gegenüber auch wieder zurückholt und auffängt.

Bei mir erlebst du den kontrollierten Kontrollverlust, nicht den unkontrollierten. Bei letzterem kann das zu einem traumatischen Erlebnis führen oder dich unerwünscht retraumatisieren. Unterschätze trotzdem nicht die Intensität eines solchen Spiels. Es kann durchaus zum Adrenalinrausch kommen und Tränen können fließen. Mit anderen drastischeren, wohl aber metaphorischen Worten, ich stoße dich schon die Klippen hinunter, aber nicht ohne Sicherungsseil!

Da ich in den letzten Jahren meine eigene Sexualität tiefgründig erforscht und ausgelebt habe und es immer noch tue, traue ich mir in unseren Sessions auch mehr zu. Ich weiß, wie sich ein Peitschenschlag anfühlt, auch wenn er an der falschen Stelle trifft; weiß, wie sich das Fesseln anfühlt, auch wenn die Fesseln zu eng sind; und ich kenne auch das Gefühl, wenn sich mein Gegenüber unsicher fühlt oder aber völlig selbstüberschätzt bei dem was der tut. Und das ist kein schönes Gefühl. Da kann dann von Abschalten keine Rede sein.

Atemreduktion ist in dem Zuge nun ein heikles Thema. Wie oben bereits erwähnt, Atem ist existentiell und wenn man damit unverantwortlich umgeht, kann das in Sekundenschnelle nach hinten los gehen und tiefen mentalen / psychischen wie emotionalen Schaden zufügen. Vom körperlichen möchte ich gar nicht erst sprechen. Für solch einen Schaden braucht es weit mehr, als nur ein wenig zu übertreiben… zumal körperlicher Schaden ja unweigerlich wieder zum psychischen Schaden führt.

Richtig angewandt lässt sich neben der Steigerung der sexuellen Lust auch der Stress reduzieren, lässt sich das Nervensystem runterfahren. Wohlgemerkt macht es auf beiden Seiten Spaß. Während der Passive die Kontrolle abgibt, kann der Aktive die Kontrolle genießen. Auch für ihn kann es zu einem rauschartigen Zustand kommen, zu bestimmen, wann sein Gegenüber wieder atmen darf. Je besser man sich kennt, desto intensiver kann es werden. Vielleicht ignoriert der Aktive das erste Abklopfen, lässt seinen Gegenüber noch zwei, drei Sekunden länger zappeln, bis er endlich die Hand löst…

Dabei gibt es verschiedene Arten und Weisen wie man den Atem kontrollieren kann. Mit der Hand oder dem Arm um den Hals, mit der flachen Hand auf dem Mund, mit Facesitting als spezieller Fetisch, mit einem Gürtel oder einer Schlinge, mit einer Plastiktüte oder auch partiell nur den Mund betreffend mit Klebeband. Jede Variante hat ihren eigenen Reiz und vermutlich auch oft einen eigenen Hintergrund. Des Weiteren gibt es einen zusätzlichen Kick es passend in ein Rollenspiel einzubauen. Viele sexuelle Vorlieben haben ihren Ursprung in frühkindlichen und kindlichen Erfahrungen. Selten positive, aber sie haben sich nun zu dem jetzigen Zeitpunkt so ausgeprägt. Manche mag man sich nicht erklären können. Solange man sich selbst und andere damit nicht schadet, spricht aber nichts dagegen, sie heute auszuleben.

Es kann auch heilend sein, gewisse Erfahrungen kontrolliert grenzüberschreitend zu durchleben, um endgültig damit abschließen zu können. Manche Themen können nicht ausreichend mit Worten behandelt werden, sondern es braucht das aktive Erleben und Durchleben, das Gefühl dabei, die körperlichen Reaktionen.

Wie stehst du zu dem Thema Atem? Bist du lieber der Aktive oder der Passive oder genießt du den Wechsel? Was kickt dich dabei am meisten?

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